Diese Woche ist es gleich zweimal passiert. Ein Schulkind hatte einen Ausraster. Einen, wie er fast lehrbuchmässig beschrieben wird. Zuerst laute Worte, dann stampfende Schritte, Tränen, Frust. Die Stimmung im Raum kippte innert Sekunden. Eben noch konzentriertes Arbeiten, dann plötzlich angespannte Gesichter, schnelle Atemzüge, rote Wangen. Doch wie kommt es überhaupt dazu?

 

In meinem beruflichen Alltag begleite ich wöchentlich Kinder mit sehr hohem Potenzial. Manchmal arbeite ich mit ihnen einzeln, manchmal in Kleingruppen. Dabei versuche ich, für die Kinder ein Umfeld zu schaffen, das ihr kognitives Potenzial fördert und fordert. Kinder mit hohem Potenzial erleben oft schon früh, dass ihnen vieles leichtfällt. Aufgaben werden schnell gelöst, Zusammenhänge rasch erkannt, Neues scheinbar mühelos verstanden. Für Aussenstehende wirkt vieles «bubi».

Diese Kinder sind sich gewohnt, dass sie vieles einfach können. Ohne grossen Aufwand. Ohne lange zu grübeln. Ohne zu scheitern. Und genau darin liegt manchmal die Schwierigkeit.

Denn in der Begabtenförderung entstehen bewusst Situationen, in denen es eben nicht sofort klappt. Situationen, die Geduld verlangen. Beharrlichkeit. Neue Denkwege. Probleme, die sich nicht nach wenigen Sekunden lösen lassen. Herausforderungen, bei denen andere Kinder plötzlich gleich stark sind. Vielleicht sogar stärker. Spiele, bei denen man nicht automatisch gewinnt. Regeln, die gemeinsam neu ausgehandelt werden müssen.

Und genau das kann emotional überfordern.

Viele dieser Kinder haben wenig Erfahrung damit, an ihre Grenzen zu kommen. Sie kennen das Gefühl nicht, etwas wirklich anstrengend zu finden. Wenn dann plötzlich Unsicherheit auftaucht, Frust entsteht oder ein Lösungsweg nicht sofort sichtbar wird, fehlt manchmal die innere Strategie, damit umzugehen. Der Druck steigt. Die Anspannung wird körperlich spürbar. Hände verkrampfen sich, Stimmen werden lauter, Tränen drücken. Und irgendwann entlädt sich alles in einem Ausraster.

Genau das ist diese Woche passiert.

Solche Momente wirken von aussen schnell wie mangelnde Frustrationstoleranz oder fehlende Selbstkontrolle. Doch oft steckt etwas anderes dahinter. Ein Kind erlebt zum ersten Mal, dass Können allein nicht reicht. Dass Denken anstrengend sein darf. Dass Fehler dazugehören. Dass man verlieren kann. Dass andere ebenfalls gute Ideen haben.

So schwierig diese Situationen auch sind, sie sind unglaublich wertvoll. Denn genau hier passiert Entwicklung. Kinder lernen, dass Herausforderung nichts Bedrohliches ist. Dass man dranbleiben kann, obwohl etwas schwierig ist. Dass Frust aushaltbar wird. Und dass ein Ausraster nicht das Ende bedeutet, sondern ein Teil des Lernprozesses sein kann.

Begabungsförderung bedeutet deshalb nicht nur, besonders kluge Aufgaben zu lösen. Sie bedeutet auch, Kinder emotional zu begleiten, wenn etwas nicht sofort gelingt. Vielleicht ist genau das manchmal die grösste Herausforderung überhaupt.

 

Und genau deshalb liebe ich herausfordernde Spiele. Sie schaffen Situationen, in denen Kinder plötzlich nicht mehr nur auf ihr Talent zurückgreifen können, sondern auf ganz andere Fähigkeiten angewiesen sind. Durchhaltevermögen. Flexibilität. Frustrationstoleranz. Und manchmal auch die Fähigkeit, einen inneren Sturm auszuhalten.

Diese Woche sass mir wieder ein sehr begabter Schüler gegenüber. Zwölf Jahre alt, sprachlich ausgesprochen stark und inzwischen beeindruckend reflektiert. Ich merkte während des Spiels genau, wann die Aufgabe begann, ihn an seine Grenzen zu bringen. Sein Blick wurde ernster, die Antworten vorsichtiger, die Frustration spürbar. Und trotzdem blieb der grosse Ausraster aus. Nicht, weil das Spiel einfacher gewesen wäre. Sondern weil der Schüler gelernt hat, sein Innenleben besser wahrzunehmen und zu regulieren. Auch bin ich ihm inzwischen vertraut und er drückt sich verbal aus, wenn es frustrierend wird. Wir können gemeinsam darüber lachen. Diese Entwicklung zu beobachten, ist unglaublich schön.

Beim besagten Spiel handelt es sich um das Spiel Wömmeln.

 

Wömmeln. Worum geht’s?

Wömmeln ist ein kleines, kompaktes Familienspiel für ein bis sechs Spielerinnen und Spieler. Alle erhalten ein eigenes Buchstabengitter und suchen passend zu vorgegebenen Kategorien möglichst lange Begriffe. Diese Wörter werden wie kleine Schlangen ins Gitter eingezeichnet. Je länger das Wort, desto mehr Punkte gibt es.

Das klingt zunächst simpel. Doch genau darin liegt der Reiz.

Lange Wörter bringen zwar viele Punkte, verbrauchen aber auch viel Platz. Mit jeder Runde wird das eigene Gitter voller und die Suche nach passenden Begriffen zunehmend anspruchsvoller. Irgendwann steht man vor der Frage: Nutze ich den letzten freien Platz für ein sicheres, kurzes Wort oder riskiere ich alles für die grosse Punktzahl?

Plötzlich reicht schnelles Denken allein nicht mehr. Man muss vorausplanen, flexibel bleiben und kreative Lösungen finden. Und manchmal akzeptieren, dass die eigene Idee eben doch nicht aufgeht.

Meine Erfahrungen mit dem Spiel

Das Spiel wird als Familienspiel ab zehn Jahren deklariert. Einerseits passt das durchaus, denn die Regeln sind schnell verstanden und einfach erklärt. Andererseits finde ich die kognitive Herausforderung nicht zu unterschätzen.

Nach dem Spielen fragte ich meinen zwölfjährigen Schüler, wie schwierig er das Spiel auf einer Skala von 1 bis 10 einschätzen würde. Seine Antwort kam sofort: «Mindestens eine 8.» Und das, obwohl er sprachlich überdurchschnittlich talentiert ist.

Gerade deshalb finde ich das Spiel für Schülerinnen und Schüler der 5. und 6. Klasse unglaublich spannend und lohnenswert. Besonders interessant wird es dann, wenn mehrere sprachaffine Menschen zusammenspielen. Gleichzeitig steigt aber auch der innere Druck. Man merkt schnell, dass gute Ideen allein nicht genügen. Man muss sie auch geschickt platzieren können.

Und genau dort wird es emotional interessant.

Denn plötzlich geraten selbst sehr starke Kinder ins Stocken. Sie erleben Frust. Sie müssen umdenken. Sie sehen, dass andere vielleicht bessere Lösungen finden. Und manchmal steigt dabei der Puls merklich an.

Da bleibt nur zu hoffen, dass es nicht doch noch zu einem Ausraster kommt. Grins.

 

 

Spieltipp:

Wömmeln, Kosmos Verlag

 

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