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Herausforderndes Verhalten vermeiden

Verhaltensauffälligkeiten von Schüler:innen beschäftigen die Volksschulen zunehmend. Der Kanton Luzern reagiert darauf mit neuen, auch finanziellen, Massnahmen. Das Projekt „Verhalten“ startet vielerorts zu Beginn des neuen Schuljahres 2025/26.

 

Oft frage ich mich persönlich, warum denn immer mehr Kinder und Jugendliche an unseren Schulen im Verhalten auffallen. Welchen Beitrag leistet dazu unser Schulsystem? Welcher Anteil hat die gestresste Gesellschaft? Antworten habe ich für mich (noch) nicht gefunden. Ich denke einfach, dass es nicht sein kann, dass rund 4.6 % der Luzerner Schulkinder eine Integrative Sonderschulmassnahme bekommen. Die Marke wird sich bald auf 5% verschieben, wenn wir mit den jungen Menschen weiterhin so hantieren, wie aktuell. Dabei möchte ich keinesfalls Vorwürfe an das Lehrpersonal erheben, noch möchte ich für Separation plädieren. Irgendwo ist der Haken in unserem System. Es erscheint mir essenziell, dass wir uns zu gesellschaftlichen Themen Gedanken machen und uns überlegen, was die Kinder von heute für die Zukunft von morgen, welche wir nicht kennen, brauchen.

 

In diesem Zusammenhang befasse ich mich immer wieder mit dem Umgang von verhaltensauffälligen Kindern. Ich bin der Meinung, dass wir dem Verhalten dieser Kinder nur begegnen können, in dem wir uns ihnen gegenüber anders verhalten. So bekam ich neulich einen genialen Buchtipp, welchen ich gerne auch mit euch teilen möchte. Der Titel tönt in meinen Ohren etwas „krass“, ich sehe jedoch der praktische Nutzen für Kinder mit ADS, ADHS, ASS und anderen neurodivergenten Besonderheiten.

 

„Herausforderndes Verhalten vermeiden“ ( Bo Hejlskov Elvén)

Menschen mit Autismus und psychischen oder geistigen Einschränkungen positives Verhalten ermöglichen

 

Klappentext:

„Wir alle kennen Verhaltensweisen wie Schlagen, Beissen, Schreien und Ähnliches, denen wir uns im beruflichen oder häuslichen Alltag stellen müssen – Phänomene, die häufig durch eine Ungünstige Umgebung oder unrealistische Anforderungen ausgelöst werden.

Bo Hejlskov Elvén greift dieses Thema auf eine ganz neue, bemerkenswerte Weise auf und zeigt, wie sich das Verhalten von Menschen mit Autismus und anderen Entwicklungsstörungen oder geistigen Behinderungen dramatisch zum Positiven verändern kann, wenn man diese Probleme zu identifizieren vermag und richtig mit ihnen umgeht.

Dieser praktische Leitfaden verhilft zu einem neuen Blickwinkel auf Problemsituationen und schlägt einfache und effektive Strategien vor, mit denen man positive Reaktionen herbeiführen und damit Methoden wie Bestrafung vermeiden kann. Basierend auf dem bewährten „unaufgeregten Umgang“ sind die hier beschriebenen Methoden ein gangbarer Weg aus dem Stress, hin zu Ruhe und Entspannung, was die Lebensqualität aller Beteiligten erheblich verbessert. Praktische Beispiele von Kindern und Erwachsenen mit unterschiedlichen Störungen und Behinderungen von Autismus bis zum Down-Syndrom illustrieren die möglichen positiven Veränderungen.“

 

Was hat mir das Buch verdeutlicht?

Unsere Reaktionen auf herausforderndes Verhalten hat den Ursprung oft in erlernten Verhaltensmustern, welche wir aus unserer Kindheit kennen. Die Definition, was herausforderndes Verhalten ist, hängt eng in Verbindung mit der betreuenden Person. So schreibt der Autor treffend:

„Ich glaube, besser als alles andere wird herausforderndes Verhalten dadurch definiert, dass es dazu führt, dass andere sich unzulänglich und machtlos fühlen.“ (S. 16)

Oder

„Herausforderndes Verhalten ist ein Verhalten, das den Menschen um die betreffende Person Probleme bereitet.“

 

Das heisst, die Person, welche die „schwierige“ Person betreut, hat ein Problem. Es löst Gefühle wie Wut und Ohnmacht aus. Dies habe ich schon unzählige Male in der Rolle als Lehrperson und als Mutter erlebt. Es ist vorwiegend das Gefühl der Machtlosigkeit im Umfeld des Betreffenden, das dessen Verhalten als problematisch definiert. Nachfolgender Ansatz finde ich, ist eine für mich entscheidende Einsicht:

„Wenn wir davon ausgehen, dass das herausfordernde Verhalten durch die Erwartungen und Anforderungen der Menschen in direkter Umgebung der Betreffenden ausgelöst wird, verschiebt sich die Verantwortung vom Betroffenen auf die Eltern oder das Betreuungspersonal. Das ist eine gute Sache, denn so haben sie die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen. Man kann Dinge nur dann beeinflussen, wenn man die Verantwortung dafür übernimmt. Wir müssen lernen, realistische Anforderungen zu stellen. Wir müssen die Probleme und Schwierigkeiten unserer Betroffenen kennen und verstehen und wir müssen an einigen Ansichten über uns selbst, die Betroffenen und unsere Methoden arbeiten.“ (S. 46)

 

Besonders für die Schulen ist dieser Teil des Buches entscheidend. Es ist einfach, Schuldzuweisungen für das Verhalten des Kindes zu machen. So können Eltern, andere Lehrer, eine Gruppenzusammensetzung oder auch das Kind selbst als „schuldig“ gelten. Diese Haltung bringt uns jedoch keinen einzigen Schritt weiter. Viel mehr haben wir als Betreuer die Aufgabe, ein Stück „Detektivarbeit“ zu leisten und versuchen herauszufinden, was hinter dem Verhalten stecken könnte. Überdies ist ein unabdingbarer Weg, an unseren eigenen Haltungen zu arbeiten. Das Buch umschreibt Themen wie „Konsequenzen“ im Kapitel „Konzeptionen und Fehlvorstellungen“. So musste ich mir selbst eingestehen, dass auch ich teilweise veraltete Muster noch innehabe und je nach dem individueller und/oder anders mit schwierigem Verhalten umgehen kann.

Das Kapitel 4 „Stressfaktoren: Ein Modell zur Erklärung des Chaos“ finde ich für mich persönlich sehr hilfreich. Das Modell ist die Grundlage, um überhaupt hinter das schwierige Verhalten sehen zu können. So ist ein wichtiges Prinzip, den Grund-Stresslevel dauerhaft zu reduzieren. Und wusstest du, dass eine Pollenallergie schon den Grund-Stresslevel um ein x-faches heben kann? Oder die momentan grosse Hitze? Oder in der Schule zu hohe / zu niedrige Anforderungen (zu niedrige Anforderungen können beispielsweise hochbegabte Kinder stressen!)? Unter „Grund-Stressfaktoren“ ist auch „Dezember“ vermerkt. Da kann ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. Ich würde die Liste auch mit „Ende Juni / Schulschluss“ erweitern. Während diesen Zeitfenstern ist viel mehr los als in normalen Monaten. Die Vorfreude auf Weihnachten, Schulreise, Ferien etc. ist gross. Dies wird von den betroffenen Kindern, wie auch von den Lehrpersonen/Eltern, als stressig wahrgenommen. Kein Wunder nehmen in diesen Monaten auch Konflikte auf dem Schulareal spürbar zu.

 

Nebst wertvollem Hintergrundwissen liefert das Buch Lösungsimpulse im Kapitel 5 „Bei Konflikten: Ruhe bewahren“. So spricht der Autor in diesem Zusammenhang von „externen Schutzfaktoren“, welche fest mit dem Umfeld des Menschen verknüpft sind. Ich erachte diese für die Schulen als sehr wertvoll, einige davon sind pädagogischer Art. Gute Pädagogik wirkt stressmindernd. Externe Schutzfaktoren, welche wir beispielsweise an Schulen angehen können, sind:

·       Struktur

·       Information und Verständnis

·       Realistische Anforderungen

·       Rückzugsmöglichkeiten

·       Beziehungsnetzwerke

·       Soziale Unterstützung

 

Beim Punkt „Realistische Anforderungen“ klingeln bei mir alle Antennen. Was genau läuft an unseren Schulen ab? Sind die Anforderungen realistisch, welche wir an die jungen Kinder stellen? Wie lange können wir von Kindern einfordern, still im Kreis zu sitzen? Welche tiefgreifenden Bedürfnisse hätten die Kinder? Werden wir ihnen mit unserer Art zu unterrichten gerecht?

Meine Antwort ist klar nein.

Was ich hier schildere, ist eine generalisierte Ansicht. Durchaus gibt es viele innovative Schulleiter:innen, Lehrpersonen und Sozialpädagog:innen, welche neue Wege aufgleisen und viel in Schul- und Unterrichtsentwicklung investieren. Dabei wünsche ich mir, dass viele Menschen darüber nachdenken, was „realistische Anforderungen“ für das individuelle Kind sind.

 

Zu guter Letzt: Das oben geschilderte Buch lag auf einem Tisch. Da kam eine junge Frau und fragte mich: „Ist mit dem Titel das Verhalten der Schüler oder der Lehrer gemeint?“

Ja, auch so kann man es ansehen! Ich wünsche mir, dass diese Frage alle Menschen, welche mit herausforderndem Verhalten in Berührung kommen, zum Nachdenken anregt. Mich hat die Frage jedenfalls animiert.

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