Skip to content Skip to sidebar Skip to footer

Hochbegabt, aber unterfordert: Wie Langeweile das Lernen blockiert

«Er kommt nicht vom Fleck. Er ist ein Tagträumer.»

«Sie ist sehr ruhig und beteiligt sich nicht im Unterricht.»

«Ständig redet er im Kreis drein. Es wäre sinnvoll, eine ADHS-Abklärung zu machen.»

 

Viele dieser Aussagen hören Eltern von hochbegabten Kindern regelmässig. Was dabei übersehen wird: Diese Verhaltensweisen sind oft keine Zeichen von Desinteresse oder Trotz, sondern Symptome von chronischer Unterforderung. Und diese kann nicht nur das Lernen blockieren, sondern langfristig auch die Persönlichkeit und das Selbstwertgefühl belasten.

 

Wenn der Geist verhungert

Hochbegabte Kinder lernen oft schneller, denken komplexer und haben ein tieferes Bedürfnis nach Sinn, Logik und Herausforderung. Wird dieses Bedürfnis nicht erfüllt, stellt sich das Gegenteil von Motivation ein: Langeweile. Und diese ist nicht harmlos. Sie kann psychisch belasten, zu Vermeidungsverhalten führen und das Vertrauen in Schule und Lernen erschüttern.

Das Wort «todlangweilig» beschreibt treffend den psychischen Druck und die Not von Menschen, die «gripsmässig» nicht auf ihre Rechnung kommen. (Huser & Fischer, 2021, S. 23)

 

Wie sich Unterforderung äussert

Unterforderung sieht nicht immer nach „guter Schüler, der sich langweilt“ aus. Im Gegenteil: Die Symptome werden oft missverstanden. Beispiele:

  • Verhaltensauffälligkeit (Stören, Witzeln, Lautsein)
  • Rückzug (Träumen, Müdigkeit, Desinteresse)
  • Perfektionismus („Ich mache lieber nichts, bevor ich was falsch mache“)
  • Motivationsverlust („Wozu lernen, wenn es eh nichts bringt?“)

 

Die Unterforderung von Mädchen und Jungen zeigt sich unterschiedlich. Die Symptome von Unterforderung habe ich in einem PDF-Dokument für Sie zusammengestellt. Dabei unterscheiden sich die Unterforderungssymptome in «kurzfristige Unterforderung», «längerer Zeitraum von Unterforderung» und «mehrere Jahre der Unterforderung».

Wichtig: Lassen Sie kein Kind in einer Unterforderungssitzation ausharren, sondern suchen Sie bei den ersten Anzeichen von Unterforderung mit dem Kind und seinen Eltern nach Lösungen, die diese Leidenssituation beenden. (Huser & Fischer, 2021, S. 24)

 

Warum Langeweile schädlich ist

Langeweile bei Hochbegabten ist nicht „ein bisschen Stillstand“. Sie bedeutet:

  • Stagnation: Das Gehirn wird nicht gefordert, Fähigkeiten verkümmern.
  • Innere Kündigung: Schule wird als Ort des Frusts statt der Inspiration erlebt.
  • Selbstzweifel: „Wieso macht mir das keinen Spass? Bin ich zu dumm? Zu komisch?“
  • Fehlende Resilienz: Wer nie gefordert wurde, kann mit echten Herausforderungen später schlechter umgehen.

 

Zu letzterem Punkt habe ich etliche persönliche Beispiele im engeren Kreis erlebt. Wenn Kinder im Primarschulalter nicht lernen, mit Herausforderungen und Niederlagen umzugehen, so müssen sie dies manchmal schmerzhaft in ihrer Jugend erfahren. War beispielsweise ein Junge stets ohne Erledigen von Hausaufgaben und Lernzeit ein guter Schüler, schaffte problemlos auch ohne Einsatz den Übergang zur Kantonsschule, so kann «der Hammer» dann nach ein paar Jahren schmerzlich kommen. Plötzlich sind diese Jugendlichen nicht mehr mit genügenden Schulnoten gesegnet, haben aber leider auch nie eine Strategie aufgebaut, wie sie lernen könnten oder ihre Arbeit planen. So kann dann unter Umständen schnell das eigene Selbstbild von «ich glaube, ich bin clever» einsturzgefährdet sein, da sich der schulische Erfolg nicht mehr einfach so einstellt. Diese Situation ereignet sich dann noch dummerweise im Lebensabschnitt der Pubertät. Wenn dann die Eltern die Idee haben, die jugendliche Person in ihrem Lernen zu unterstützen, dann trifft der Versuch oft ins Leere. (Sorry, manchmal sind Eltern dann einfach sehr uncool mit ihren Ideen.)

 

Innere Kündigung: Schulabsentismus ist ein grossverbreitetes Thema unserer Zeit. Ich will damit auf gar keinen Fall sagen, dass all diese schulverweigernden Kinder gelangweilt, respektive unterfordert sind. Doch habe ich hautnah erlebt, wie es durch Unterforderung zu einer Schulverweigerung kommen kann. Dabei rate ich, aufmerksam und differenziert hinzuschauen. Besonders bei Kindern mit einem «Twiceexceptional Profil» können geleichzeitig Über- wie auch Unterforderung eintreten. Falls du denkst, du hast ein eigenes Kind oder Schulkind mit dieser Thematik, so melde dich unverbindlich bei mir. Es ist eine meiner Lieblingsarbeiten, bei diesen Menschen Detektivarbeit zu leisten und zu schauen, welche differenzierten Schaltstellen aufgegriffen werden sollen, um die Lern- und auch Schulfreude dieser Kinder wieder zu wecken.

 

Was hilft gegen Unterforderung?

Frühzeitige Diagnostik

Eine seriöse Hochbegabungsdiagnostik kann Klarheit schaffen und eine gezielte Förderung ermöglichen – sei es schulisch oder ausserschulisch.

Differenzierung im Unterricht

Begabte Kinder brauchen Aufgaben, die über das Klassenniveau hinausgehen – nicht „mehr vom Gleichen“, sondern anders, tiefer, vernetzter.

Projektarbeit & freie Lernzeiten

Selbstgewählte Themen, kreative Projekte oder forschendes Lernen bieten Raum zur Entfaltung.

Anerkennung & Austausch

Kinder (und Eltern!) profitieren davon, sich mit anderen Hochbegabten zu vernetzen.

Deshalb sind Pulloutangebote, manchmal auch gemeindeübergreifende Angebote, von grosser Wichtigkeit. Die Kinder erleben den Austausch und die Lernbegierde unter Gleichgesinnten.

 

 

Förderung auf Verdacht

Wichtig: Es braucht nicht immer sofort eine Diagnostik. Ich rate häufig den Lehrpersonen: Mache «Förderung auf Verdacht». Das heisst, bei einem Verdacht auf Langeweile und Unterforderung, plane das Setting für das einzelne Kind so, dass du ihm eine Hochbegabung einfach mal attestiert. Beobachte dann ganz genau, wie das Kind mit dem neu vorhandenen Angebot und Setting umgeht. Verändert sich etwas am Verhalten des Kindes? Verändert sich die Körperhaltung oder der Gesichtsausdruck des Kindes, wenn es an der Arbeit ist? Wie kommt das Kind nach der Schule zuhause an? Was verändert sich punkto Motivation? Etc.

 

Intelligenz braucht Herausforderung

Hochbegabte Kinder sind keine „Besserwisser“, sondern oft „Mehr-Denker“. Wenn sie in einem System feststecken, das sie ständig bremst, verlieren sie nicht nur die Lust am Lernen, sie verlieren manchmal sich selbst. Um das zu verhindern, braucht es Mut, Offenheit und eine andere Perspektive auf das, was Lernen wirklich bedeutet.

 

Denn eins ist klar:

Langeweile und Unterforderung ist nicht das kleinere Übel – sie ist der stille Lernkiller.

 

 

Quellen:

Huser, J., & Fischer, C. (2021). Lichtblick für helle Köpfe: Handbuch (Erweiterte und aktualisierte Neuausgabe). Lehrmittelverlag Zürich.

Kommentieren