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Marco Odermatt oder verschiedene Seiten des Perfektionismus

Perfektionismus hat zwei Gesichter.

 

„Du, ich habe einen Jungen in der Klasse. Er ist hochbegabt. Ich weiss, er muss nicht mehr alle Matheaufgaben lösen, das macht keinen Sinn. Er soll mir zeigen, dass er den Unterrichtsstoff verstanden hat und kann dann an etwas anderem arbeiten. Aber das Problem ist, dass er gar nichts arbeitet, auch nichts zeigt. Selbst das Minimum an Aufgaben erledigt er nicht. Was soll ich machen?“

 

So ähnliche Anfragen erreichen mich in letzter Zeit öfters. Es können verschiedene Themen dahinter stehen, dazu ist eine umsichtige Betrachtung der Situation und des Individuums sehr wichtig.

Im oben beschriebenen Fall, welcher mir im Alltag begegnet ist, hat das Kind unter anderem ein Problem im Umgang mit Fehlern. Auch die Thematik des „Perfektionismus“ spielt da hinein.

 

Anna Julia Wittmann und Heinz Holling liefern spannende Antworten zu diesen Themen. Es ist, laut Wittmann und Holling, keine Seltenheit, dass Kinder mit hohem Potenzial aus lauter Idee, alles perfekt lösen zu wollen, schon gar nicht etwas Neues oder Unbekanntes anfangen. Auch spielt dabei die Erwartung der Gesellschaft, im Sinne von Streben nach Vollkommenheit, eine Rolle. Es ist eine allgegenwärtige Erscheinung, die vom Wunsch getrieben wird, es im Leben so gut wie möglich zu machen. Dieser Perfektionismus ist nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bereits im Kindesalter zu beobachten. So reagieren Kinder verschieden auf die perfektionistische Begebenheit. Sie fangen entweder schon gar nicht an oder können bei der erstbesten Hürde massiv mit Wutanfällen reagieren. Perfektionistische Kinder weisen alle ähnliche Erkennungsmerkmale auf:

·       Hoher Selbstanspruch

·       Angst vor Fehlern, Unsicherheit

·       Ihnen sind Bewertungen sehr wichtig

·       Langsamkeit in der Arbeit, weil sie es richtig und genau machen wollen

·       Geringe Frustrationstoleranz

·       Geringe Übungsbereitschaft

·       Geringe Startmotivation

Nach Silverman ist perfektionistisches Verhalten eine direkte Folge der ausgeprägten Fähigkeit hochbegabter Kinder zum abstrakten Denken. Perfektion ist ihr zufolge nämlich ein abstraktes Ideal, das aus dem Bewusstsein darüber entsteht, was möglich ist. Hochbegabte Kinder sind sich schon früh vieler Möglichkeiten bewusst, die erstrebenswert erscheinen, und setzen sich dementsprechend hohe Standards. Teile ihrer Entwicklung, z.B. die Feinmotorik, sind jedoch noch nicht weit genug entwickelt, um diese Standards erfüllen zu können. Das Kind kann zum Beispiel ein Objekt noch nicht so detailgetreu zeichnen, wie das innere Auge darstellt, weil die Finger eine derart feine Linienführung nicht erlauben. Aus ihrem Wissen darum, was möglich wäre, beurteilen sie ihre Leistung, auch wenn sie nur kleine Fehler aufweist, als misslungen.

Kerr betont, dass Perfektionismus bei hochbegabten Kindern nicht ein Resultat der Erziehung durch ehrgeizige Eltern darstellt, sondern quasi natürlich aus hoher Begabung entsteht.

Perfektionismus hat geniale Seiten, welche selten gesehen werden. Denken wir aktuell nur an Marco Odermatt.

Es ist seine Antriebsenergie, die ihn zu grossen Leistungen antreibt. Dahinter steckt von A-Z ein grosser Anteil an Perfektionismus, angefangen von der Ernährung, dem Skimaterial, der mentalen Vorbereitung, den Trainingseinheiten etc. Nicht nur Odermatt selber ist perfekt unterwegs, nein das ganze Umfeld an Trainern und Coaches weisen ebenfalls diese Fähigkeiten aus. Ohne Perfektionismus gäbe es also keine Medaillenränge, keine Olympiasiege, kein künstlerisches Streben und keine wissenschaftlichen Durchbrüche.

So wird zwischen positivem und negativem Perfektionismus unterschieden. Positiv, wenn er den Menschen weiterbringt, negativ, wenn er den Menschen blockiert.

 

Was aber kann helfen, mit den perfektionistischen Zügen umzugehen, damit sie nicht blockierend wirken?

Wichtig, Perfektionismus kann nicht „geheilt“ werden, es handelt sich bei hochbegabten Menschen um etwas Natürliches. Wenn Lehrpersonen, Eltern etc. versuchen, den Perfektionismus des Kindes „abzuschalten“, könnte gar seine Persönlichkeit verletzt werden. Vielmehr geht es darum, diese Eigenschaft zu respektieren und es zu unterstützten, diese Eigenschaft positiv zu nutzen. D.h.

·       Lerne das Kind Prioritäten zu setzen. Was ist wichtig/unwichtig?

·       Lass das Kind positive Erfahrungen machen, dass es Aktivitäten gibt, die nicht leistungsbezogen sind und trotzdem Spass machen.

·       Das Kind darf Vertrauen erfahren, indem es erlebt, dass Eltern, Lehrpersonen und andere Bezugspersonen Vertrauen in seine Fähigkeiten haben.

·       Bezeichne Fehler nicht als solche, sondern kommuniziere bei einer misslungenen Erfahrung mit dem Kind so… „Es ist eine Lernerfahrung.“ Diese gehören auf dem Weg zum Besserwerden immer dazu.

·       Zeige dem Kind auf, wie andere, durchschnittliche Menschen ein gleiches Problem lösen und skizziere auf einem Blatt auf, wie es das löst. So kann visualisiert werden, dass es trotz der vermeintlich vorhandenen Fehlern noch auf enorm hohem Niveau agiert.

·       Überlege mit dem Kind: Wo lohnt es sich Energie hineinzustecken, wo darf man einfach mal „S Füfi lo grad sii“.

·       Und, dies ist in meinen Augen ein einfach umzusetzender Punkt, kommentiere in einem Arbeitsprozess weniger die finale Leistung, sondern eher den Prozess. Z.B. „Wow, du warst aber mit viel Geduld dran.“

 

Wichtig ist es, den Eigenschaften dieser Kinder immer wieder mit Verständnis und viel Wertschätzung zu begegnen. Und auch da gilt, die betreuenden Personen müssen auch nicht perfekt sein. Es reicht, gut zu sein, nicht perfekt.

 

Verwendete Literatur:

Hochbegabtenberatung in der Praxis / Anna Julia Wittmann und Heinz Holling / Hogrefe

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