Kürzlich erzählte mir eine Frau in wenigen Sätzen von ihrer Schulzeit. Als schnelldenkendes Mädchen in den 1980er-Jahren, damals noch ohne ADHS-Diagnose, galt sie als faul. «Du solltest dich mehr anstrengen.» «Sie ist unmotiviert.» Solche Aussagen hörte sie immer wieder.
Was bei Lehrpersonen und Erwachsenen als fehlender Wille ankam, war in Wirklichkeit etwas ganz anderes. Heute weiss sie, dass ADHS eine wichtige Rolle spielte. Damals wusste es niemand.
Ich bin überzeugt: Hätte sie damals mehr über ihre eigene Funktionsweise und Persönlichkeitsstruktur gewusst, wären ihr viele schmerzhafte Erfahrungen erspart geblieben.
Vor zwanzig Jahren war ich selbst Klassenlehrerin. Damals habe ich mich manchmal gefragt, weshalb immer mehr Kinder diagnostiziert werden. Oft dachte ich: «Sie sind halt, wie sie sind. Die machen ihren Weg schon.» Ich war keine Befürworterin von Diagnosen.
Heute sehe ich das differenzierter.
Durch meine beruflichen Erfahrungen, zahlreiche Beratungen und persönliche Begegnungen mit betroffenen Familien habe ich gelernt, dass diese Annahme nicht immer zutrifft. Viele Kinder machen eben nicht einfach ihren Weg. Nicht, weil sie zu wenig intelligent, motiviert oder belastbar wären. Sondern weil ihre besonderen Bedürfnisse unerkannt bleiben.
Erst kürzlich stellte mir eine Mutter in einer Beratung die Frage:
«Was würde eine Diagnose denn überhaupt bringen?»
Eine wichtige Frage. Und eine, die viele Eltern von sogenannten 2e-Kindern beschäftigt.
2e steht für «twice exceptional», Kinder mit einer doppelten Besonderheit. Sie verfügen oft über aussergewöhnliche Fähigkeiten, Begabungen oder Talente und leben gleichzeitig mit Herausforderungen wie ADHS, Autismus, Dyslexie, Dyskalkulie, einer Entwicklungsstörung oder anderen neurodivergenten Merkmalen.
Gerade diese Kombination macht sie oft schwer erkennbar. Ihre Stärken verdecken ihre Schwierigkeiten, während ihre Schwierigkeiten verhindern können, dass ihre Stärken sichtbar werden.
Im folgenden Artikel möchte ich aufzeigen, weshalb eine Diagnose weit mehr sein kann als ein Etikett und warum sie für viele Kinder der erste Schritt zu Verständnis, Unterstützung und einem gesunden Selbstbild ist.
Mehr als ein Etikett
Eine Diagnose bei einem 2e-Kind dient nicht dazu, ein Kind in eine Schublade zu stecken. Sie dient dazu, Zusammenhänge sichtbar zu machen.
Sie hilft Eltern, Lehrpersonen und Fachpersonen, das Kind besser zu verstehen. Sie eröffnet den Zugang zu Unterstützung, Fördermassnahmen und Nachteilsausgleichen. Vor allem aber kann sie verhindern, dass ein Kind seine Schwierigkeiten als persönliches Versagen interpretiert. Schnell kann dann auch mal die Aussage eines Kindes fallen: «Ich bin sooo dumm.»
Viele Kinder tragen über Jahre die Überzeugung mit sich herum, sie seien faul, unmotiviert oder nicht intelligent genug. Dabei kämpfen sie in Wirklichkeit mit Herausforderungen, die weder durch mehr Anstrengung noch durch guten Willen allein gelöst werden können.
Eine Diagnose verändert das Kind nicht.
Sie verändert jedoch die Perspektive auf das Kind.
Aus Vorwürfen kann Verständnis werden. Aus Überforderung passende Unterstützung. Aus Selbstzweifeln Selbstkenntnis.
Liebe, Geduld und Verständnis bleiben die Grundlage jeder Begleitung. Doch wenn ein Kind zusätzliche Unterstützung benötigt, reichen sie manchmal nicht aus. In unserem Bildungssystem sind Diagnosen oft der Schlüssel zu den Ressourcen, die ein Kind benötigt, um sein Potenzial entfalten zu können.
Nicht die Diagnose begrenzt ein Kind.
Begrenzend wird es dann, wenn seine Bedürfnisse übersehen werden.
Ich wünsche jedem Kind ein Umfeld, das hinter sein Verhalten blickt. Ein Umfeld, das nicht vorschnell urteilt und einem Kind nicht das Etikett «faul» oder «unmotiviert» verpasst, sondern versteht, welche Unterstützung es braucht.
Eine Diagnose ist dabei kein Werturteil und keine Schublade. Manchmal ist sie schlicht der Schlüssel zu mehr Verständnis, passender Förderung und den notwendigen Ressourcen, welche in der Schweiz oft an eine Diagnose gekoppelt sind.
Wenn ein Kind dadurch die Unterstützung erhält, die ihm zusteht, dann hat die Diagnose ihren Zweck erfüllt.
