Gerne schaue ich zurück auf einen spannenden und angeregten Tag am Symposium Begabung 2025 an der PH Zug vom vergangenen Samstag, 10. Mai 2025.
Der Tag stand unter dem Thema „Synergie von Mensch und Maschine“ und rückte die Nutzung von KI in der Begabungs- und Begabtenförderung ins Zentrum. Beeindruckend war die Keynote von Andreas Terfloth. Terfloth ist Referent für Begabtenförderung an der Beratungsstelle besondere Begabungen in Hamburg und
Gründer der Aiducation Research Group. Er forscht zur Anwendung von Künstlicher
Intelligenz in der Diagnostik und im forschenden Lernen und berät europaweit
Schulen zu individualisiertem Lernen und dem sinnvollen Einsatz von KI.
Gerne teile ich im Artikel einige Gedanken, welche in mir nach dem Symposium nachklingen.
Welchen Nutzen kann KI für die Begabungs- und Begabtenförderung (BBF) haben?
- Adaptive Lernsysteme passen Inhalte an das Leistungsniveau, das Tempo und die
Interessen der Lernenden an. - Zugang zu Forschungsergebnissen ist in kürzester Zeit da und die Ergebnisse
können weiterverwendet werden. Keine mühsamen Recherchen mehr. - KI-Tutoren bieten personalisierte Erklärungen und Rückmeldungen, z. B. in Mathematik,
Sprachen oder Programmierung.
KI-gestützte Drehtür: Personalisierte Förderung im digitalen Raum
Auf diesen Punkt möchte ich speziell eingehen. In Deutschland kennst man sie schon länger, die digitale Drehtür. Darunter versteht man die Möglichkeit für die Lernenden, sich aus dem Unterrichtssetting auszuklinken und durch eine digitale Plattform an eigenen Projekten und Interessen zu arbeiten. KI bietet in solchen Unterrichtssituationen geeignete Begleitung an.
Das Konzept der Drehtürmodelle ist in der deutschen Begabungsförderung bereits etabliert. Es erlaubt besonders interessierten oder leistungsstarken Schüler:innen, sich zeitweise vom regulären Unterricht auszuklinken, um an eigenen Projekten, Interessen oder vertiefenden Aufgabenstellungen zu arbeiten. Mit der digitalen Transformation wurde daraus die digitale Drehtür, bei der Lernende über digitale Plattformen selbstgesteuert und ortsunabhängig an ihren Themen arbeiten können.
Die Integration von Künstlicher Intelligenz (KI) erweitert dieses Modell grundlegend – zur KI-gestützten Drehtür. Sie bietet nicht nur eine flexible Lernumgebung, sondern auch eine intelligente, adaptive und kreative Begleitung, die individuell auf die Bedürfnisse der Lernenden eingeht.
Zentrale Elemente der KI-gestützten Drehtür
1. Personalisierte Lernbegleitung
- KI-Tutoren unterstützen in Echtzeit beim Verständnis von Inhalten, geben gezielte
Impulse oder helfen bei der Strukturierung von Projekten. - Die KI kann offene Fragen beantworten, Hinweise geben oder auf
weiterführende Materialien verweisen – ähnlich wie ein digitaler Mentor.
2. Projektbasierte Förderung
- Lernende können interdisziplinäre oder kreative Projekte umsetzen – mit
Unterstützung durch KI bei der Recherche, Ideengenerierung oder
Ausarbeitung (z. B. Text, Code, Design). - Die KI fördert metakognitive Fähigkeiten, indem sie z. B.
Reflexionsfragen stellt oder zur Zielplanung anleitet.
3. Adaptive Steuerung
- Die KI erkennt, ob ein Projekt zu einfach oder zu komplex ist, und
passt Hilfestellungen oder Herausforderungen entsprechend an. - Lernende erhalten Feedback auf ihren Arbeitsprozess, nicht nur auf
Ergebnisse – z. B. zu Argumentationslogik, Kreativität oder
Problemlösestrategien.
4. Förderung von Selbstregulation und Eigenverantwortung
- Die KI kann dabei helfen, Arbeitsphasen zu strukturieren, Prioritäten
zu setzen und Fortschritte zu dokumentieren. - Durch gezielte Rückfragen oder Erinnerungen wird die Selbststeuerung
gefördert, ohne dabei kontrollierend zu wirken.
5. Dokumentation und Reflexion
- Ergebnisse, Lernwege und Kompetenzen können automatisch dokumentiert werden, was sowohl für die Lernenden als auch für Lehrkräfte Transparenz und
Anschlussfähigkeit schafft. - Die Reflexion über den eigenen Lernprozess wird unterstützt – ein zentraler
Aspekt in der Begabungsförderung.
Pädagogischer Mehrwert
Die KI-gestützte Drehtür verbindet Individualisierung mit Selbstbestimmung, ohne dass die Lernenden auf sich allein gestellt sind. Sie schafft Freiheit innerhalb eines sicheren Rahmens – ein ideales Setting für hochmotivierte, kreative oder leistungsstarke Schüler:innen.
Lehrkräfte werden dabei nicht ersetzt, sondern entlastet: Sie können gezielter begleiten, beraten oder evaluieren, während KI-basierte Systeme Routineaufgaben übernehmen und kontinuierliche Unterstützung bieten.
Beispielhafte Anwendungsszenarien
- Eine Schülerin interessiert sich für Klimaforschung und entwickelt mit
KI-Hilfe ein Simulationsmodell zu CO₂-Ausstoß in Städten. - Ein Schüler mit starkem Interesse an Literatur schreibt eine eigene
Kurzgeschichte, erhält von der KI Feedback zu Stil, Aufbau und Wirkung. - Eine Gruppe entwickelt ein interaktives Lernspiel, wobei KI-Tools zur
Bilderstellung, Codierung und Textausarbeitung bereitstellt.
Hybride Intelligenz
Terfloth betonte in seinem Vortrag besonders die Hybride Intelligenz. Diese ist für die BBF von grosser Bedeutung.
«Potentiell besonders leistungsfähige Schülerinnen und Schüler haben spezifische Bedürfnisse: Sie denken kreativ und innovativ, suchen Herausforderungen in komplexen Aufgaben, lerne gerne autonom und aneignen sich neues Wissen rasch. Oft zeigen sie ein hohes Mass an interdisziplinärem Denken und den Wunsch, eigenständig Ideen umzusetzen.» (Terfloth, 10.5.2025)
Künstliche Intelligenz (KI) setzt genau hier an. Durch KI-Tools lassen sich differenzierte und adaptive Lernpfade gestalten, die das individuelle Potential gezielt fördern. Lernende können Ideen unmittelbar in Produkte umsetzen, erhalten Feedback in Echtzeit und entdecken über Daten geschützte Analysen neue Verbindungen zwischen Themen.
So entsteht ein hybrides Lernumfeld, in der menschlichen und künstlichen Intelligenz produktiv zusammenwirken – und besonders leistungsfähige Schülerinnen und Schüler bestmöglich gefördert werden.
Welche Empfehlungen sind für Lehrpersonen im Umgang mit KI in Bezug auf BBF da?
Terfloth hat eine Handlungsempfehlung für Lehrkräfte zusammengestellt. Diese möchte ich euch gerne teilen und dazu animieren, die hybride Intelligenz im Rahmen der BBF aktiv zu nutzen. Ich wünsche dir viel Freude und Neugierde in einer faszinierenden Welt der Digitalität.

