Wer im Unterricht stört, gilt schnell als schwierig, unmotiviert oder respektlos. Doch was, wenn genau das Gegenteil der Fall ist? Wenn auffälliges Verhalten nicht aus mangelndem Willen entsteht, sondern aus einem Mangel an Herausforderung? Der Bildungsforscher John Hattie weist darauf hin, dass viele Verhaltensprobleme im Klassenzimmer eng mit Langeweile und Unterforderung zusammenhängen.
Diese Perspektive stellt gängige Erklärungen auf den Kopf: Nicht Disziplinprobleme stehen im Zentrum, sondern die Frage, ob Unterricht die Schüler wirklich erreicht. Denn wer sich nicht gefordert fühlt, sucht sich oft andere Wege, um Aufmerksamkeit, Abwechslung oder Sinn zu finden und genau das zeigt sich dann im Verhalten.
Diese Woche war einer der renommiertesten Bildungsforscher in der Schweiz zu Besuch. Gerne teile ich hier einen Gedanken aus einem dazu erschienenen Zeitungsartikel, der mich besonders zum Weiterdenken angeregt hat:
„Sie sagen, dass alles davon abhängt, ob Lehrpersonen hohe Erwartungen an ihre Schüler haben. Wie viel macht das für den Lernerfolg aus?
Hattie: Es verdoppelt die Lernrate beinahe – und wenn Lehrpersonen niedrige Erwartungen haben, bringt dies das Lernen zum Erliegen.“
(Quelle: LZ, 21.03.2026)
Ehrliche, persönliche Erwartungen an Schüler:innen setzen voraus, dass wir sie wirklich kennen. Dass wir Beziehung aufbauen, statt „Nummern“ im Klassenzimmer zu verwalten. Doch in einem Schulsystem, in dem gerade an Gymnasien und Sekundarschulen jede Lektion getaktet ist, Stoff abgearbeitet und mit Prüfungen abgeschlossen wird, stelle ich genau diese Gelingensfaktoren infrage.
Denn nur wenn eine Lehrperson den Menschen vor sich kennt, kann sie auch passende, individuelle Erwartungen formulieren. Zu oft wird „hohe Erwartung“ mit „Stoff durchnehmen, lernen, abliefern“ gleichgesetzt. Aber was bedeutet das für jene Kinder und Jugendlichen, die darin nicht reüssieren? Sind sie dann weniger fähig?
Ich glaube: Hier beginnen die eigentlichen Fragen. Nicht nur an Schule, sondern an uns als Gesellschaft. Wie wollen wir Leistung verstehen? Und wie gehen wir mit den Menschen um, die nicht in dieses enge Raster passen?
Vielleicht liegt das Problem also nicht bei den „auffälligen“ Schüler:innen, sondern bei einem System, das zu selten wirklich hinschaut. Unterforderung ist leise bis sie laut wird.
Wenn wir Verhalten anders lesen, erkennen wir darin nicht Störung, sondern ein Signal: Ich kann mehr. Trau mir mehr zu. Genau hier beginnt die Verantwortung von Schule nicht mit mehr Druck, sondern mit mehr Beziehung, mehr Vertrauen und echten Erwartungen.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, wie wir Störungen verhindern. Sondern: Wann haben wir zuletzt einem Kind wirklich etwas zugetraut?
